Industrie 4.0: Der Mensch als Akteur - Veränderungen gemeinsam gestalten

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Nur gemeinsam lässt sich der Wandel zu vernetzten Produktion nachhaltig gestalten. Das Unternehmen Bosch begleitet seine Mitarbeiter systematisch, um den Mensch in den Mittelpunkt der Industrie 4.0 zu stellen.

Veränderungen gemeinsam gestalten
Von unterwegs Flügebuchen, einkaufen, Musik hören oder schnell noch die Heizung einschalten: Innerhalb weniger Jahre hat das Smartphone unseren Alltag völlig verändert. Auch in den Fabriken schreitet die Digitalisierung voran - die Produktion wird durch Industrie 4.0 zunehmend vernetzter. Tablet-PC, Großbildschirme und intelligente Armbanduhren halten Einzug: Damit verändert sich für viele Arbeitnehmer in Fabriken der gewohnte Arbeitsalltag.

Dabei gilt es, natürliche Sorgen und Widerstände ernst zu nehmen. Denn nur gemeinsam lässt sich der Wandel zur vernetzten Produktion nachhaltig gestalten. Deshalb begleitet das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen Bosch seine Mitarbeiter systematisch, um den Menschen in den Mittelpunkt der Industrie 4.0 zu stellen.

 

Doppelstrategie nutzt Wissen zweifach
Bosch verfolgt seit Beginn der Diskussion um Industrie 4.0 eine Doppelstrategie als Leitanwender und Leitanbieter. Als Vorreiter und Leitanwender von Industrie 4.0 lotet Bosch in den rund 250 eigenen Werken die Potenziale der Vernetzung aus. Dabei zeigt sich, dass ein Vorgehen in vielen kleinen, schnellen Schritten die Komplexität reduziert und die Einführung beschleunigt.

Mehr als 100 Pilotprojekte beschäftigen sich mit der Einführung von Industrie 4.0. Erfolgreiche Pilotprojekte werden zunächst innerhalb eines Werkes ausgerollt, danach im Wertstrom und schließlich im internationalen Produktionsnetzwerk. Als Leitanbieter bietet Bosch ein breites Spektrum von intelligenten Automationskomponenten über Robotik und Maschinen bis hin zu Software sowie datenbasierten Dienstleistungen und der Bosch IoT-Cloud. Dabei profitiert Bosch von den Erfahrungen der Anwender im eigenen Unternehmen.

 

Evolution und Revolution
Industrie 4.0 gilt als vierte industriele Revolution, die zukünftig disruptive Geschäftsmodelle und Strategien ermöglicht. Aus Anwendersicht ist Industrie 4.0 allerdings eine weitere Station in einer evolutionären Entwicklung. Unternehmen gehen dabei sinnvoll vor, wenn sie nicht auf einen einzigen Veränderungsprozess über ihre gesamte Organisation hinweg setzen. Auf diese Weise nutzen bei Bosch die Werke ihre Diversität, um Industrie 4.0 bedarfsgerecht umzusetzen.

Unterstützt werden sie darin von einem sogenannten "Innovation Cluster". Es bündelt bei Bosch die Aktivitäten der Leitanwender, der Leitanbieter und der Querschnittsbereiche wie HR und Organisationsentwicklung, die den Veränderungsprozess unterstützen.

Denn zwei Dinge sind klar: 1. Industrie 4.0 ist eine große Chance für das Unternehmen und den Standort Deutschland, die genutzt werden muss. Und sie muss 2. schnell genutzt werden, um gestaltet werden zu können - im Sinne der Nutzer und Mitarbeiter.

Mensch als Akteur
Das Innovation Cluster hat für alle Bosch-Werke sieben Merkmale definiert, die wichtig sind für die Industrie-4.0-Technologie. Sechs sind technisch, eines nicht.
Dieses steht im Mittelpunkt und heißt: der Mensch als Akteur.

Für Bosch ist Industrie 4.0 keine rein technologische Entwicklung, sondern ein sozio-technisches System. Ziel ist es, Mensch und Maschine gemeinsam erfolgreich zu machen.

Wie bei jedem Veränderungsprozess werden die gewohnten Routinen in Frage gestellt und durch unbekannte Abläufe ersetzt. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig mit Fragen und natürlichen Widerständen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen.

Das Projekt "Mensch und Beschäftigungsbedingungen" im Innovation Cluster unterstützt die Werke in den Handlungsfeldern Arbeitsorganisation, Beschäftigungsbedingungen, Qualifizierung, Kommunikation und Führung dabei, diese Veränderungen als Veränderungsprozess zu gestalten. Dazu bindet Bosch Arbeitnehmervertrreter und Mitarbeiter von Anfang an ein, um die Bedenken aufzunehmen und durch die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung, das Prozesswissen der Beteiligten mit einzubeziehen. Gemeinsam lassen sich so Bedenken auflösen und die Akzeptant für den Wandel fördern. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, die Veränderungen für alle Beteiligten erlebbar zu machen.

 

Beispiel Werk Blaichach
Das Werk Blaichach visualisiert die Einführung von Industrie 4.0 als einen Teil der Strategie in großflächigen Icons im gesamten Werk und schafft damit ein Gefühl der Bedeutung, der Zielgerichtetheit und der Dringlichkeit.

Eine praktische Ausprägung von Industrie 4.0 ist der Einsatz der RFID-Technologie für die interne Logistik. Natürlich gab und gibt es zunächst Unsicherheiten und Befürchtungen bei einigen Mitarbeitern, was diese Veränderungen für sie persönlich bedeuten. Die Werkleitung griff mit Unterstützung des Betriebsrats die Bedenken mit einem unterwarteten Beispiel auf und macht die Vorteile der Umstellung auf RFID für alle Mitarbeiter in der Kantine erlebbar.: Das Geschirr wurde an der Unterseite mit RFID-Chips bestückt. An der Kasse wird der PReis für das Gericht - zum Beispiel Reis mit Gemüse - nun nicht mehr eingetippt, sondern automatisch erfasst. Wer bisher an der Kasse saß, übernimmt nun andere Aufgaben, beispielsweise in der Essensausgabe, wo jede Hand benötigt wird. So erleben alle Besucher der Kantine RFID aus erster Hand, freuen sich über kürzere Warteschlangen an der Kasse und erleben, dass die neue Technologie nicht zum Ziel hat, Arbeitsplätze zu ersetzen, sondern Abläufe zu optimieren.

 

Schichtplanung auf Portal
Bosch nutzt die neuen Möglichkeiten auch, um die wirtschaftlichen Unternehmensinteressen mit dem individuellen Bedarf nach Vereinbarkeit vn Beruf und Privatleben von Mitarbeitern in der Fertigung zu verknüpfen. Ein Beispiel ist das Werk Stuttgart-Feuerbach: Viele Mitarbeiter in der Fertigung sind in einem Schichtmodell eingebunden. Fällt ein Mitarbeiter aus oder benötigt einen Urlaubstag außerhalb der Vertreterregelung, beginnt oft eine längere Suche. Um diesen Prozess zu vereinfachen und die Mitarbeiter besser einzubinden, nutzt das Werk ein Softwaretool namens KapaflexCy. Es wurde in einem Pilotversucht getestet und danach auf eine größere Einheit ausgerollt. Rund 330 Mitarbeiter, die kurzfristig einspringen können und wollen, haben dafür freiwillig ihre privaten E-Mail-Adressen hinterlegt. Fällt ein Mitarbeiter aus, senden Meister, Schichtplaner oder andere Führungskräfte über KapaflexCy eine Personaleinsatzanfrage per Mail an alle Mitarbeiter, die von ihrer Qualifizierung und den zeitlichen Rahmenbedingungen für einen Einsatz in Frage kommen. Sie haben dann in der Regel ein bis zwei Tage Zeit, um zu reagieren. Interessieren sich mehrere Mitarbeiter für die Schicht, entscheidet die Software auf Basis klarer Regeln, wie Arbeitszeitgesetzen, der Qualifikation und der Zeitkonten. Die Mitarbeiter begrüßen die neue Flexibilität und auch die Transparenz, die mit der E-Mail vom Meister einhergeht, das bestätigt eine Befragung. Mittelfristig planen mehrere Werke bei Bosch, die unterschiedlichen IT-Systeme zur Zeitwirtschaft und Schichtplanung mit den modernen Kommunikationstools zu vernetzen und die gewonnene Zeit für Führung und Verbesserung im Werkstattbereich zu nutzen.

Ängste aufnehmen, Qualifikationen nutzen

Industrie 4.0 verändert komplette Wertströme und reduziert in der variantenreichen Fertigung die Komplexität. Im Bosch Rexroth-Werk in Homburg an der Saar montieren Mitarbeiter an einer neuen Multiproduktlinie Ventile aus sechs Produktfamilien mit rund 200 Varianten und über 2000 verschiedenen Komponenten, für die sonst sechs verschiedene Linien notwendig gewesen wären. Es war eine große Herausforderung, die Komplexität zu beherrschen udn Teile bis zur Losgröße 1, die lange nicht mehr gefertigt wurden, in höchster Qualität herzustellen. An der neuen Linie werden die Mitarbeiter mittels Bluetooth-Sender an jeder Arbeitsstation erkannt und ihr jeweiliges Profil (Muttersprache, Qualifizierung, Ergonomie, Licht) wird automatisch am Arbeitsplatz eingestellt. Der Bildschirm zeigt - angepasst an die Erfahrung und die zeitliche Distanz zur letzten Fertigung dieses speziellen Teils ausführlicher oder weniger ausführlich - die verlangten Montageschritte in 3-D-Animationen.

Dies zeigt: die Vernetzung führt zu einer neuen Art der Fertigung, die auch die Attraktivität des Produktionsstandorts Deutschland erhöht und eine große Chance für das Unternehmen darstellt. Prädikat: besonders effizient und variantenreich.

Bei der Einführung der neuen Multiproduktlinie waren Arbeitnehmervertreter und Mitarbeiter frühzeitig eingebunden und konnten ihre Ideen einbringen. Dennoch brachte eine anonyme Umfrage durch ein unabhängiges Institut ein Jahr nach der Einführung noch Befürchtungen der Mitarbeiter ans Licht. Einige äußerten Bedenken zur Dequalifizierung ihrer Tätigkeit. Das früher hoch geschätzte individuelle Erfahrungswissen verliere durch die maschinelle Unterstützung an Bedeutung. Hier setzen Maßnahmen an, die den Mitarbeitern ermöglichen, auf Basis der nun in Echtzeit erhobenen Produktionsdaten die Prozesse kontinuierlich zu verbessern und damit ihr Prozesswissen auf anderen Wegen einzubringen. Diese Beispiele machen deutlich, dass Industrie-4.0-Technologie nicht nur den Wertstrom, sondern auch die Art und Weise, wie und wo gearbeitet wird, verändert. Die zunehmende Vernetzung aller Prozessschritte führt dazu, dass soziale Kompetenzen wie Selbstorganisation, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit an Bedeutung gewinnen. Es bedarf neuer Formen der Zusammenarbeit, des Lernens und der Arbeitsorganisation. Gerade in der Werksumgebung wird sich Arbeiten in den nächsten Jahren massiv verändern und viele Ansätze, die wir aus den Büros der Entwickler kennen (Inspiring Working Conditions, Mobiles Arbeiten, Zielsteuerung) werden sich in anderer Gestalt auch in der Fabrik finden. Das ist eine Herausforderung für Führungskräfte und Mitarbeiter.

 

Mitarbeiter gestalten den Wandel von Beginn an mit
Die Bosch-Erfahrungen mit dem Veränderungsprozess zeigen, dass eine der Erfolgsgrundlagen die Partizipation ist: Arbeitnehmervertreter und Mitarbeiter sollten deshalb von Anfang an Akteure und Mit-Gestalter sein.
Das betrifft sowohl den Ideenfindungsprozess selbst als auch die Prozessgestaltung bis hin zu Ideenworkshops für neue Geschäftsmodelle. Dabei lassen sich auch unbekannte Talente unter den Mitarbeitern finden.

Im Werk Feuerbach wurden zum Beispiel im Rahmen eines Ideenfindungsworkshops drei Mitarbeiter identifiziert, die über Programmierkenntnisse verfüben, die sie bislang nur privat genutzt hatten. Das Team wurde zeitweise von seinen Routinearbeiten freigestellt und programmierte Softwareandwendungen, die die Messdatenerfassung und -weiterverarbeitung wesentlich vereinfachen.
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, welches Potenzial in Shopfloor-Fachkräften stecken kann - man muss es entdecken und nutzen! Dafür bedarf es einer offenen Kultur, die auf Selbststeuerung, lebenslangem Lernen, Ergebnisorientierung setzt und die auch die Mitarbeiter mit ihren Sorgen um den Arbeitsplatz ernst nimmt. Wir wissen heute noch nicht genau, wohin der Wandel in der Produktionsarbeit führen wird, aber wir sind überzeugt davon, dass wir nur gemeinsam den Wandel dorthin erfolgreich gestalten können.
Der Mensch als Akteuer wird eine zentrale Rolle dabei spielen.


Autorin:
Karen Oßmann

Projektleitung Mensch @ Industrie 4.0
Robert Bosch GmbH