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Interview mit Prof. Dr. Sabine Pfeiffer zum Thema Bildung und Industrie 4.0

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Prof. Dr. Sabine Pfeiffer bewegt das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation. In Zusammenarbeit mit dem VDMA führt die Arbeits- und Industriesoziologin die Studie „Industrie 4.0 – Qualifizierung 2025“ durch. Sie sprach mit Thilo Weber über ihre Einschätzung der Situation.

Frau Professorin Pfeiffer, Sie sind der Ansicht, dass die deutschen Unternehmen und insbesondere ihre Beschäftigten gut gerüstet sind für Industrie 4.0. Was genau ist Ihre These und wie kommen Sie dazu?
Wir kennen alle die Headlines: „Der Mensch scheitert an Industrie 4.0“ ist zu lesen oder auch, dass jeder zweite Arbeitsplatz wegfallen wird. Gerade bei solchen Prognosen wird gerne unterstellt: wer an oder mit Maschinen arbeitet, der macht dumpfe Routinearbeit – und damit Arbeit, die einfach automatisierbar ist. Solche Prognosen stehen methodisch auf wackligen Beinen, vor allem aber: Sie übersehen, welche ganz besondere Ressourcen die Beschäftigen in Deutschland haben: 67% unserer aktuellen Beschäftigten haben mindestens eine Duale Berufsausbildung – das ist praktisch einmalig in der Welt.

…Sie haben dazu aber auch eigene Forschungen betrieben?
Ja. In einer eigenen Studie auf Basis der repräsentativen BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung konnten wir zeigen: 71 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland gehen heute schon in hohem Umfang mit Unwägbarkeiten, Komplexität und Wandel um. Formale Qualifikation und die Fähigkeit mit Wandel und Komplexität umzugehen (wir nennen diese Fähigkeit Arbeitsvermögen [AV]) – das sind unschätzbare Ressourcen um die uns zum Beispiel die USA beneiden.

Und wie sieht es konkret im Maschinen- und Anlagenbau aus?
Im Maschinenbau – der Ausrüsterbranche für Industrie 4.0 – ist der Anteil noch höher: hier haben sogar 81 Prozent einen AV-Index von über 0,5, d.h. sie bringen täglich ein hoch dynamisches Erfahrungswissen ein um mit Wandel und Komplexität an ihrem Arbeitsplatz umzugehen. Das ist das Gegenteil von dumpfer Routine. Sobald ein Teil ihrer Arbeit aber an oder mit Maschinen erledigt wird, würden sie in den üblichen Einschätzungen als leicht automatisierbar gelten.

Was bedeutet das nun für einzelne Berufe oder Tätigkeiten?
Sieht man sich das für einzelne Berufe an, die für Industrie 4.0 wichtig sind, wird das noch klarer: an der Spitze im Ranking finden sich etwa die IT-Kernberufe und die Werkzeug-/Industriemechaniker/-innen – diese erreichen sogar höhere Werte als die Berufsgruppe „Geschäftsführer, Unternehmensberatung, Wirtschaftsberatung“. Ihre Arbeit ist also – wenn man so will – mehr von Nicht-Routine geprägt als die Tätigkeit ihrer Chefs oder deren Berater.

Was ist die Konsequenz von all dem?
Das Fazit unserer Studie ist daher: Anstatt zu prognostizieren was Industrie 4.0 morgen bringen könnte – sollten Unternehmen diese Ressource ihrer Beschäftigten heute nutzen, um Industrie 4.0 zu gestalten. Schließlich kann man Industrie 4.0 nicht von der Stange kaufen, sondern jedes Unternehmen muss das für sich ausbuchstabieren und entwickeln. Unsere Botschaft ist: der Mensch kann Industrie 4.0 - man muss ihn nur einbeziehen und machen lassen, dann könnten Industrie 4.0-Lösungen entwickelt werden, die auch nachhaltigen Wettbewerb sichern, wie sie nicht so leicht kopierbar sind.

Aber trotzdem wird Industrie 4.0 das Anforderungsprofil an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Maschinenbau doch verändern. Welchen Wandel erwarten Sie dort?
Ganz sicher werden die Anforderungen an systemisches Denken und interdisziplinäre Zusammenarbeit zunehmen. Nicht alle werden Programmieren und Modellieren können müssen, aber das Verständnis für IT und Datenstrukturen werden mehr Beschäftigte brauchen. Wir werden also mehr formale Qualifikation brauchen, die den Umgang mit Daten zum Gegenstand hat – ohne aber das produktionstechnologische Know-how aufzugeben. Im Gegenteil: es wird vor allem darum gehen, Offline und Online aufeinander zu beziehen. Hinzu kommt ein Mehr an Wissen über die Macht und die Grenzen von Algorithmen. Das heißt zum Beispiel auch, den Unterschied von Kausalität und Korrelation zu verstehen. Alle Beschäftigten werden gehörig dazu lernen müssen beim Thema Datenschutz und Privacy.

Wie sieht es mit überfachlichen Qualifikationen aus?
Da Industrie 4.0 vor allem ein Gestaltungsthema ist, geht es viel mehr als bisher darum, dass Gestalter und Nutzer in partizipativen Prozessen lernen, miteinander zu reden: Beschäftigte müssen ihre Ansprüche an die IT-Entwickler formulieren und diese auch argumentieren können. Und umgekehrt müssen die IT-Entwickler und Anlagenplaner noch mehr als bisher lernen, Bedarfe der Beschäftigten und ihrer Kunden früher in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Was immer vergessen wird: Nicht nur die Beschäftigten müssen hier das ein oder andere neu dazu lernen. Das gilt noch in viel größerem Ausmaß für das Management. Ob unsere Führungsebenen fit sind für Industrie 4.0 ist aus meiner Sicht eine noch ungeklärte Frage.

Heißt das, wir müssen nun auch die Berufsbilder überarbeiten?
Nein, wer ein Berufsbild für Industrie 4.0 sucht, dem kann längst geholfen werden. Schon 2008 – also Jahre vor der Erfindung des Begriffs Industrie 4.0 – wurde das Berufsbild des des/der Produktionstechnologen/-in entwickelt, zusammen mit einer Fortbildungsordnung zum/zur Geprüften Prozessmanager/in.

Was sind die genauen Inhalte des/der Produktionstechnologen/-in?
Die Inhalte bewegen sich in der Schnittmenge unterschiedlichster Fachrichtungen (von der Mechatronik bis zur Informations- und Computertechnik). Vermittelt werden Kompetenzen für den Anwender-Support (IT), Fertigungs- und Auftragssteuerung, Hardware- und Softwareinstallation, Automatisierungstechnik und Prozessautomatisierung, Mess-, Steuer- und Regeltechnik, Produktionslogistik, Programmieren, Projektmanagement, Roboter- und Handhabungstechnik. Schade nur, dass viele Unternehmen noch so zögerlich auf dieses zukunftsweisende Berufsbild reagieren.

Können Sie noch etwas über die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Organisation der Arbeit (in Abgrenzung zu den geforderten Qualifikationen) auf dem sogenannten „shopfloor“ sagen?
Industrie 4.0-Technologien werden die Arbeit in der Produktion, Montage und Instandhaltung stark verändern. Dabei geht es nicht um die Einführung einer neuen Technologie (vergleichbar etwa mit der Einführung erster Laseranwendungen vor einigen Jahren). Industrie 4.0 bündelt eine Vielzahl neuer Technologien und Nutzungsszenarios, verbunden mit sehr unterschiedlichem technischen Reifegrad und systemischen Effekten. Das kann man alles nicht von der Stange kaufen.

Wenn man es nicht kaufen kann, was können die Unternehmen dann schon heute tun?
Am besten ist es, wenn die Beschäftigten von Anfang an mitgestalten. So entstehen Industrie 4.0-Lösungen, die nachhaltige Wettbewerbsvorteile generieren – weil andere Nationen wie die USA oder China nicht auf einem vergleichbaren Qualifikationsniveau aufsetzen können.

Ist dies auch eine Chance für das Ansehen und die Attraktivität der Beruflichen Bildung?
Ja, auf jeden Fall. Mit mehr Partizipation könnten auch die Arbeitsplätze in der Produktion zeitgemäßer werden und damit auch wieder attraktiver für die Milennials. Gerade die Fachharbeiterebene im Maschinen- und Anlagenbau ist in hohem Maße heute schon innovationsrelevant. Bei der Umsetzung von Industrie 4.0 werden die Unternehmen am schnellsten und besten vorankommen, die das Potenzial der Ressource Mensch zur Entfaltung bringen. Echte Partizipation bei der Technikgestaltung von Anfang an ist dafür ein zentraler Schritt.

Frau Professorin Pfeiffer, wir bedanken uns für das Gespräch.



Eine Kurzfassung der Forschungsergebnisse von Frau Professorin Pfeiffer zum Thema Industrie 4.0 und Arbeitsvermögen ist unter http://www.sabine-pfeiffer.de/files/downloads/2015_Mensch_kann_Industrie40.pdf zu finden.

Bildquelle : SAP - VDMA; Andeas Amman

Weber, Thilo
Weber, Thilo
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